Lange hat es gedauert, bis eine deutsche Autobahn als Teststrecke für teilautonom fahrende Lkws freigegeben wurde. Anfang Oktober letzten Jahres rollte der erste teilautomatisierte Lkw über die A8 bei Stuttgart. Der derzeitige Automatisierungsgrad sieht gemäß der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) eine kontinuierliche Überwachung des Systems durch den Fahrer vor. Zwar kann sich dieser noch nicht komplett zurücklehnen, dennoch braucht er sich bei einer teilweise automatisierten Ausstattung nicht mehr um ausreichenden Abstand zu anderen Fahrzeugen oder um das Abbremsen vor Hindernissen zu kümmern. Für Lkw-Fahrer womöglich eine traumhafte Vorstellung, nur hin und wieder mal einen Blick auf die Straße zu werfen. Doch weit gefehlt – laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung sollen Fahrer von Nutzfahrzeugen im Falle einer voran schreitenden Automatisierung Büroarbeiten am Steuer erledigen. Sollten eines Tages teilautomatisierte Lkws in Serie gehen, so könnte aus dem Lkw-Cockpit bald ein Speditionsbüro werden.

Nationale und europäische Gesetzgebung hinken technischem Entwicklungsstand hinterher

Die Sicherheitsverordnung der Europäischen Union verpflichtet alle Automobilhersteller, eine Reihe von Fahrerassistenzsystemen bis Ende 2018 zu verbauen. Erst kürzlich wurde das Notbremssystem AEBS für alle Nutzfahrzeuge, die schwerer als 8 Tonnen sind, obligatorisch. Ende 2018 wird diese Regelung dann auch alle neuen Nutzfahrzeuge mit einem zulässigen Gesamtgewicht von über 3,5 Tonnen erfassen. Ein deutscher Lkw-Hersteller erfüllte diese EU-Vorgabe schon im Jahr 2012, weshalb Stimmen laut wurden, die Teilautomatisierung von Fahrzeugen auch rechtlich zu beschleunigen. So fordert die Deutsche Verkehrswacht nationale und internationale Institutionen dazu auf, die Einführung von Fahrerassistenzsystemen zu erleichtern und rechtliche Regelungen aufzulockern. Obwohl die Bundesregierung Projekte unter anderem zum Ausbau von Fahrzeugkommunikationssystemen finanziell unterstützt, wird ohne rechtliche Anpassungen der Weg zu hoch- oder sogar vollautomatisierten Fahrzeugen zukünftig versperrt bleiben – vorhandene Technik hin oder her. Doch wie werden diese Tendenzen innerhalb der Bevölkerung gesehen?

Sinkende Unfallzahlen durch Fahrerassistenzsysteme und dennoch Vorbehalte

Sicherheitsaspekte spielen bei dieser Debatte eine große Rolle. Von Lkw-Fahrern verursachte Unfälle sind laut einer Auswertung des Statistischen Bundesamtes in den letzten Jahren stark rückläufig. In den Jahren zwischen 2006 und 2013 ist die Anzahl an Unfällen unter Beteiligung von Güterkraftfahrzeugen von 51.334 auf 42.261 gesunken. Die DEKRA verweist auf eine Studie der Unfallforschung der Versicherer, die ergab, dass moderne Fahrerassistenzsysteme das Risiko von Lkw-Unfällen enorm vermindern. Somit ist in Zukunft ein weiterer Rückgang der Unfallzahlen zu erwarten. Sollten diese Erkenntnisse nicht eine Bestätigung für die Notwendigkeit fortschrittlicher Automatisierungssysteme sein?

Eine Umfrage zum Thema autonom fahrende Fahrzeuge aus dem Jahr 2015 von Statista zeigt auf, dass die Resonanz in der deutschen Bevölkerung im Vergleich zur amerikanischen, neuseeländischen und französischen die niedrigsten Werte aufzeigt. Während 33% der befragten Amerikaner und 21% der Franzosen durchaus davon überzeugt sind, dass sich vollständig autonom fahrende Fahrzeuge in den nächsten 10 Jahren durchsetzen werden, gehen gerade einmal 8% der Deutschen von einer rasanten Entwicklung in diesem Bereich aus.

Misstrauen in die Technik oder mangelnde Technikaffinität?

Eine Studie des IT-Dienstleisters Computer Sciences Corporation (CSC) aus dem Jahr 2014 und Umfragewerte zur Technikakzeptanz geben Anhaltspunkte darüber, warum gerade in Deutschland die Akzeptanz so niedrig ist. Nach einer repräsentativen Befragung durch CSC misstrauen ganze 70% der befragten Bundesbürger selbständig fahrenden Fahrzeugen. 90% der Befragten befürworten hingegen die Kommunikation von Fahrzeugen untereinander, um vor allem Staus und Gefahrenstellen rechtzeitig umfahren zu können. Die Deutschen scheinen der Technik damit zwar ihren Nutzen zuzusprechen, komplett darauf vertrauen wollen sie jedoch nicht. Dies könnte daran liegen, dass es in Deutschland generelle Vorbehalte gegenüber technischen Neuerungen gibt. So waren im Jahr 2013 gerade einmal 24% der Bundesbürger davon überzeugt, dass der technische Fortschritt überwiegend Vorteile bereithält (30,4 Mio.). Besonders technikaffin sind die Deutschen somit also nicht. Im Gegenteil zu den US-Bürgern: 59% der Amerikaner sehen in technischen Weiterentwicklungen ganz klar die Vorteile.

Automatisierungstrends rufen Kommunikationsprofis auf den Plan

Überzeugungsarbeit ist nun bei den gesetzgebenden Organen sowie bei der deutschen Bevölkerung gefragt. Eine Verbreitung von handfesten Sicherheitsfakten und Informationen ist dabei unabdingbar. Sicherheitsaspekte, Entlastung von Lkw-Fernfahrern sowie umweltpolitische Faktoren könnten als Argumente herangezogen werden, um das Thema „Automatisierung“ in Zukunft zugänglicher zu machen. Nicht nur Lkw-Fahrer, sondern auch alle anderen knapp 40 Mio. deutschen Fahrzeughalter würden von sichereren Autobahnen durch automatisierte Fahrabläufe profitieren. Vorreiter auf diesem Gebiet wie die USA sollten diesbezüglich stärker in den Blick genommen werden. Der US-Bundesstaat Nevada hat im Mai letzten Jahres erstmalig teilautomatisierte Lkws nicht nur auf der Teststrecke, sondern auch für den regulären Betrieb freigegeben.

Autoren: Christian Salmen, Andrea Lang

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