Heute Abend startet das 9. Lichter Filmfest Frankfurt International. Im Festivalzentrum im Mousonturm und an weiteren Spielstätten in Frankfurt und in der Rhein-Main-Region sind bis zum 03. April über 100 Filme aus aller Welt zu sehen. Für uns Grund genug, Festivaldirektor Gregor Maria Schubert ein paar Grundsatzfragen zu stellen.

Lichter Filmfest oder Berlinale?

Danke für den charmanten Vergleich. Die Berlinale genießt internationales Renommee und ist viel traditionsreicher als wir. In einigen Punkten dient uns die Berlinale als Orientierung: Auch wir ordnen unser Programm nach Sektionen – das sind nicht so viele wie in Berlin, aber es werden stetig mehr. Und wie die Berlinale haben auch wir einen Wettbewerb. Unser Preis ist viel funktionaler. Statt des Bären verleihen wir den Bembel – in rot für den besten internationalen Film, in weiß für den Sieger des regionalen Programms und in schwarz für den Gewinner im Bereich Videokunst. Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal: Lichter setzt jedes Jahr auf ein übergeordnetes Festivalthema. Da hatten wir zuletzt ein ganz gutes Gespür. Im vergangenen Jahr mit dem Thema „Geld“, das passte zur allgegenwärtigen Finanzkrise und zur Eröffnung des EZB-Neubaus. In diesem Jahr dreht sich alles um „Grenzen“.

Offenbach oder Nordkorea?

Offenbach UND Nordkorea. Die Rivalität zwischen Frankfurt und Offenbach greifen wir in unserem Trailer zum Lichter Filmfest 2016 auf. Viele unserer Zuschauer kommen aus Offenbach, der Lederpalast im Deutschen Ledermuseum ist eine unserer Spielstätten und ich habe durch mein Studium an der HfG eine enge Verbindung zur Nachbarstadt. Mit Blick auf unser Festivalthema gilt: Wir wollen keine Grenzen schaffen, sondern Grenzen überwinden. Nicht nur an der Stadtgrenze, sondern auch international. Unser Eröffnungsfilm „Meine Brüder und Schwestern im Norden“ ist ein spannendes Angebot in genau dieser Richtung. Die Regisseurin Sung-Hyung Cho ist in Südkorea geboren und lebt seit vielen Jahren in Hessen. Da sie mittlerweile einen deutschen Pass hat, erhielt sie als erste südkoreanische Filmemacherin eine Drehgenehmigung für Nordkorea. Die Dokumentation porträtiert Menschen, die allesamt vom nordkoreanischen Regime ausgesucht wurden. Das mag auf den ersten Bick wie Propaganda wirken – aber ganz im Gegenteil, der Film gewährt viele außergewöhnliche Blicke hinter die Kulissen der Diktatur.

Frankfurter Rundschau oder Instagram?

Beides sind wichtige Medien für Lichter. Gemessen an Bedeutung und Reichweite sind FAZ und Facebook jedoch auch in diesem Jahr noch wichtiger für uns. Die FAZ ist seit vier Jahren unser Medienpartner. Davon profitieren wir sehr, denn die FAZ beleuchtet in mehreren Artikeln verschiedene Aspekte des Festivals und führt uns damit einige Besucher zu, deren Wahrnehmung wir andernfalls wohl nicht erlangt hätten. Massiv an Sichtbarkeit gewinnen wir allerdings vor allem durch soziale Medien – insbesondere durch Facebook, aber auch Twitter. An Instagram arbeiten wir noch.

Stipe Erceg oder Leo DiCaprio?

In Sachen Sex-Appeal sind beide gleichermaßen gut ausgestattet. Wir freuen uns, dass wir mit Stipe Erceg einen renommierten Schauspieler und Produzenten für die Jury gewinnen konnten – übrigens ein seltener Erfolg unserer Kaltakquise. Wir wollen natürlich eine prominente Jury, das hilft uns bei der Außenwahrnehmung. Weitere Jury-Mitglieder sind in diesem Jahr unter anderen der Kasseler Filmemacher Nico Sommer und Linda Söffker, die bei der Berlinale seit einigen Jahren die Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ verantwortet. Bei Leonardo DiCaprio fragen wir dann nächstes Jahr mal an.

YouTube oder Kino?

Ausschließlich Kino! Na ja, Musik-Clips oder Tutorials schaue ich mir schon gelegentlich auf YouTube an. Meine 12-jährige Nichte ist fast ausschließlich auf YouTube unterwegs. Allerdings nicht auf Kosten des Kinos sondern des Fernsehens. Für Lichter nutzen wir Vimeo. Das ist eine ganz bewusste Entscheidung, weil es für Cineasten das passendere Medium ist. Im professionellen Segment wickeln Filmemacher heutzutage alles über Vimeo PRO ab.

Öffentliche Förderung oder Sponsoren?

Förderung ist für unsere Finanzierung viel wichtiger als klassisches Sponsoring. Wir finanzieren uns zu circa 80 Prozent durch Fördermittel öffentlicher und gemeinnütziger Institutionen wie dem Kulturfonds Frankfurt RheinMain, dem Kulturamt Frankfurt oder der Hessen Film & Medien GmbH. Den Rest akquirieren wir über Sponsoren. Offengestanden sind wir jedes Jahr wieder stolz mit einem schmalen Budget von 200.000 Euro ein so breites und gut besuchtes Festival auf die Beine stellen zu können. Das wäre ohne das große Team von Freiwilligen undenkbar. Daher würde ich sagen: Förderer, Freiwillige und Sponsoren. Ein interessantes Detail am Rande: Trotz großer Anstrengungen ist es uns auch im neunten Jahr nicht gelungen, in der Finanzmetropole Frankfurt eine Bank als Sponsor zu gewinnen.

Eröffnungs- oder Abschlussfilm?

Beides super Filme. Den Eröffnungsfilm „Meine Brüder und Schwestern im Norden“ zeigen wir heute Abend als Weltpremiere. Den Abschluss haben wir in den vergangenen Jahren etwas stiefmütterlich behandelt. Das wollten wir dieses Jahr besser machen und zeigen das großartige Coming of Age-Drama „Jonathan“ (03. April, 20 Uhr, Mousonturm). Regisseur Piotr Lewandowski hat unter anderem an der HfG Offenbach studiert. Zwei meiner Lieblinge zwischen Eröffnung und Abschluss sind „Lotte“ (01. April, 20 Uhr, Mousonturm) und „Louisiana – The Other Side“ (01. April, 20.30 Uhr, Filmmuseum). „Lotte“ ist ein mit kleinem Budget und improvisiertem Drehbuch gemachtes Drama des Marburgers Julius Schultheiß, der den Film über Crowdfunding finanziert hat. Die Dokumentation „Louisiana – The Other Side“ zeigt teilweise verstörende Einsichten in die Lebens- und Gedankenwelten der weißen Unterschicht in den USA. Der Film skizziert Hoffnungslosigkeit, Radikalisierung sowie die Gewalt- und Waffenverherrlichung des so genannten „White Trash“ sehr anschaulich. Erschreckend, aber absolut fesselnd.

9. Lichter Filmfest Frankfurt International 2016 vom 29. März bis 03. April. Weitere Informationen unter http://www.lichter-filmfest.de/.

Das Interview führte:
Tim Bechtel,

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